2006 – Expeditionen

Trekking-Expedition im Baikal, 2006

Nie wieder Kascha mit Rindfleisch ...

... und süße Nudeln zum Frühstück müssen auch nicht sein ... Oder: Wer nicht rechtzeitig zum Essen kommt, bleibt hungrig. Wer nicht schnell genug läuft, sieht die russischen Guides nicht und bleibt vielleicht allein in der Taiga zurück.

Wir wussten, der Weg wird kein leichter sein, aber dass er so steinig sein wird, hatte vermutlich keiner geahnt. ... Wobei der Begriff “Steine” noch geschmeichelt ist. ... Uns blieb nichts anderes übrig, als uns damit anzufreunden - mal mehr und mal weniger. Aber, um es vorweg zu nehmen, die Erlebnisse sind ein Schatz, von dem wir zehren. Ja, inzwischen vermissen wir all dies irgendwie ... und sind noch immer nicht wieder ganz in Deutschland angekommen. Unsere Gedanken sind sicher noch oft dort am Baikal. Wir versuchen , all das Erlebte zu realisieren und geniessen es.


Es ist wie in einem Traum.

Viele Menschen träumen davon, einmal im Baikal zu sein - wir fuhren insgesamt 28 Stunden mit dem Schnellboot und einem Fischerboot auf dem 636 km langen und bis zu 80 km breiten See. Die Sibirier nennen ihn “Brunnen des Planeten”. Wir erlebten diesen ältesten, saubersten, tiefsten und wasserreichsten See der Welt bei Sonnenschein aber auch bei Sturm. Einen Sommer mit Mückenplage, einen goldenen Herbst, sogar 10 cm Neuschnee und 0°C. Waren wir wirklich dort? Wie lange waren wir weg? Waren es wirklich nur 3 Wochen?

Die Gefühle und Gedanken sind nur schwer zu ordnen.

Es war so anders als in den Alpen und doch fühlten wir uns nicht fremd, sondern geborgen und heimisch. Wir genossen das einfache Leben und haben die Grundbedürfnisse unserer Existenz unmittelbar gespürt. Wertigkeiten verschoben sich. Luxus wurde neu definiert: frisch geangelter Fisch, selbst gepflückte Beeren, gesammelte Pilze, gutes Wetter, Lagerfeuerromantik mit Gitarre und Gesang, eine Banja mitten in der Wildnis, karamelisierte Kondensmilch und Blinis, Salat zum Mittag, das Wasser überall bedenkenlos trinkbar, gewürzter Speck, Schokolade und Konfetej bis zum Tourenende, Plätzchen und Prjaniki, Liederbücher und Stirnlampen, Marmeladeneimerchen als Eßgefäß (Die Teller erwiesen sich als unzweckmäßig.). Zeit spielte keine Rolle mehr. Handy, Gabeln, das tägliche Geschirrspülen mit Spüli (Sand oder Gras oder Kiefernadeln taten es auch.), Haarewaschen oder Duschen wurde unwichtig. Brot und Zucker wurden wertvoll und irgendwann rationiert. Wie groß kann Vorfreude auf ein Bier sein?

Trotz aller Individualität herrschte in der Gruppe eine beruhigende Harmonie. Es war ein Urlaub der Gegensätze: Jeden Tag gab es neue Überraschungen und dennoch brachten sie uns nicht aus der Ruhe. Die Tour war abenteuerlich und doch empfanden wir sie nicht gefährlich. Es war ein anspruchsvolles Unternehmen, wohl jeder zog sich blaue Flecken zu, dennoch kamen wir gut erholt zurück. Abschalten vom Alltag, den Alltagstrott unterbrechen, nicht an zu Hause und das Gewohnte denken und sich dennoch in der Wildnis heimisch fühlen. Wir lebten 13 Tage in der scheinbar unendlichen Einsamkeit, aber waren manchmal zu viele, um diese Einsamkeit und Unberührtheit der Landschaft wirklich erleben und individuell genießen zu können.

Teppiche aus Moos und Flechten, goldene Birkenblätter, Preiselbeerfelder, Gummistiefel, rotblättrige Sträucher, Vipern, “unser” Bär, wilde Johannisbeersträucher, Walderdbeeren, Blaubeeren, Schwarz- und Buntspechte, Maralhirsche, Streifenhörnchen, Pfeifhasen, Möwen, Omul, Hecht, handzahme Wespen, Greifvögel, ... malerische Seen, traumhafte Abendstimmungen, einsame Felsspitzen, ... Es gab so viel zu entdecken in dieser uns fremden Landschaft. Die unbeschreibliche Weite Sibiriens machte uns klar, wie klein und unbedeutend wir und wie klein und unbedeutend doch unsere Alltagsprobleme sind.

Wir waren in russischen Städten, erlebten deren Eintönigkeit aber auch Vielfalt, die Quirligkeit aber auch wunderbare Ruhe und Gelassenheit, Freundlichkeit und Auf-uns-zugehen. Schönheit und Tristess direkt nebeneinander, Reichtum und ärmlich wirkende Verhältnisse. Historisches Flair direkt neben modernen Bauten. Es ist kaum zu beschreiben, so öde auch jeder Plattenbau auf den aussenstehenden Betrachter wirkte, wenn man davor steht und das Leben live erlebt, ist es anders.

Wir verstanden nicht immer die Sprache, aber dennoch wurden wir mit unseren russischen Begleitern ein gutes Team. Das Zusammensein war anfangs auf beiden Seiten durch viel Vorsicht bestimmt, doch am Ende fiel der Abschied beiden Seiten schwer. Man hofft auf ein gemeinsames Wiedersehen, und doch wissen wir, dass dies sicher nicht für alle möglich sein wird. Aber was wäre ein Leben ohne Träume?

Wir wissen, für viele ist diese Begeisterung nicht immer nachvollziehbar ...

... aber dennoch würden wir wieder dorthin reisen, auf die gleiche Art - Trekking. Entbehrungen auf uns nehmen, inmitten dieser wilden Natur übernachten, neue Erfahrungen machen, mit unerwarteten Geschehnissen konfrontiert werden und mit unvergänglichen Eindrücken zurückkehren. Widersprüchlich, voller Gegensätze, schön und unvergesslich.

Diese Reise ist nur schwer in Worte zu fassen.

Wir alle waren von dieser Tour nach Sibirien und ins Baikalgebiet jeder auf eine ganz eigene Art fasziniert. Vor Ort, aber auch jetzt, wo wir die Eindrücke verarbeiten und all das Erlebte noch einmal genießen.

Den Reiz machte das gemeinsame Erleben von einsamer Landschaft und Kultur aus. Völlig entfernt von aller Zivilisation lebten wir in der ursprünglichen Natur und erlebten wirklich einsame Gebiete, wie wir sie hier in Deutschland nicht mehr kennen. Dörfer und Städte in einer Bandbreite von malerischer Schönheit bis liebloser, heruntergekommener Häuseransammlung.
Für die meisten war es die erste Reise nach Russland und sie brachte Erfahrungen, die wir nicht missen möchten. Wir haben viel Neues entdeckt, einen Perspektivenwechsel vorgenommen und uns mit Landschaft, Kultur und Sprache auseinander gesetzt. Alle unsere Sinne waren angesprochen und so mancher überlegte, ob er dort leben könnte, wie sich der Umgang mit dem russischen Alltag, den Menschen, Wohnungen, Arbeitssituationen, dem Wetter, der Bürokratie und der politischen Verhältnisse wohl gestalten würde. Doch wer kann sich ein Aussteigen auf Zeit in unserem Berufsalltag leisten?

Für einige blieb ein Stück der Seele in Sibirien, das man irgendwann wieder besuchen muss.

Das Einleben in Deutschland fällt schwer - der Alltag erscheint nach einer solchen Tour fremd und ungewohnt. Die Gedanken werden wohl noch oft am Baikal sein, in der Taiga, am Gitarrensee, am Lagerfeuer - man denkt an die russischen Freunde ... an das ganze Team ... an die gemeinsamen Erlebnisse.

Uns wurde klar: “Drei Wochen Selbsterfahrung sind nichts gegen Sibirien!” Aus dem Abstand und der Distanz war ein anderer Blick auf das eigene Leben möglich. Mancher nimmt sich vor, etwas in seinem Leben zu verändern, mehr Ruhe und Gelassenheit zu finden ... neue Herausforderungen anzugehen oder zu suchen ... mehr auf andere Menschen zuzugehen ... etwas von dem bewahren, was wir dort kennen und achten gelernt haben. Ob es auf Dauer klappt, in unserem doch so anderen Alltag und Gesellschaft?

Einige von uns können sich der Faszination von Weite und Unberührtheit, von Gelassenheit und Ursprünglichkeit, von Einfachheit, Freundlichkeit und Aufmerksamkeit nur schwer wieder entziehen und begannen über eine erneute Russland-Reise nachzudenken. Na dann: “Auf Wiedersehen, Sibirien! - Vielleicht im Sommer 2008 auf Kamschatka.”

Andrea Schmidt




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