2005 – Expeditionen

Eine Expedition zum Tupungato (6.550 m) in den chilenische Anden

Schon einmal - im Jahre 2002 - waren wir in den chilenischen Anden und haben dort den Marmolejo bestiegen, den südlichsten 6.000er der Erde. Wieder standen wir nun auf dem Flughafen in Frankfurt. Es war der 28. Dezember 2005 und Iberia sollte uns nach Santiago de Chile bringen, dem Ausgangspunkt für unsere Expedition zum Tupungato.

Wir, das war acht Mitglieder der Sektion Münster des Deutschen Alpenvereins (DAV), davon zwei Damen, bei Expeditionen dieser Art eher eine Ausnahme.

Der Tupungato ist mit 6.550 m der dritthöchste Berg der Zentralkordilleren. Der Aconcagua in Sichtweite erreicht fast 7.000 m. Im Gegensatz zum viel besuchten Aconcagua in Argentinien wird der Tupungato selten bestiegen. Das liegt daran, dass er sehr abgelegen, nur schwierig zu erreichen und kein Modeberg ist.

Iberia hatte sich großzügig gezeigt und uns pro Person ein Übergewicht von 15 kg zugestanden. Zelte, Schlafsäcke, Steigeisen, warme Expeditionskleidung, schwere Bergstiefel, Kocher, etc., etc. - das alles wiegt, so dass wir das uns gewährte Übergewicht voll ausgenutzt haben.

Nach insgesamt 16-stündigem Flug und Dank der guten Betreuung trotzdem erholsamen Flug wurden wir in Santiago von Christian und Douglas abgeholt, die für die Logistik in Chile zuständig waren. Vom deutschen Winter in den chilenischen Sommer. 28°C in der Großstadt Santiago, hier hatten wir zwei Tage zum Sighseeing und zum Einkaufen. Wir besorgten noch restliche Lebensmittel sowie Tee, Kaffee und Getränkepulver. Am Berg selber würden wir acht Personen für 20 Tage voll auf uns allein gestellt sein, ohne jede Verbindung zur Außenwelt.

Ein Kleinbus brachte uns dann in das Maipo-Tal, welches durch seine guten Weine bekannt ist. Hier, am Ende des Tales im Refugio Aleman haben wir gleich zweimal Sylvester gefeiert; einmal nach europäischer Zeit und dann vier Stunden später nach der “richtigen” chilenischen Zeit. Die große Sylvester-Party hat uns in Form von Steaks mit vielen Proteinen für die kommenden mageren Zeiten versorgt. Neujahr haben wir dann in den Banos Morales verbracht, heißen Quellen in 2.500 m Höhe mit grandioser Bergkulisse.

Nach diesen Tagen der Eingewöhnung war nur auch die Seele bereit, das große Abenteuer zu beginnen. Unser Kleinbus brachte uns in das Tal des Rio Colorado. Hier lieferten wir unsere vorher ausgestellten Permits sowie unsere Pässe ab (Grenzgebiet zu Argentinien). Weiter ging es dann bis zum Ende der Schotterpiste in 2.200 m Höhe. Dort erwarteten uns unsere vier Pferdeführer, die Arrieros, mit Reitpferden und Maultieren für das Gepäck.

Vor uns lag nun der 3-tägige Ritt zum Basislager in 4.000 m Höhe. Nachdem die 9 Maultiere beladen waren, setzte sich unsere Karawane in Bewegung. Nun sind wir ja keine geübten Reiter, aber das ist auch nicht unbedingt notwendig, denn es geht im Schritttempo voran und die Cowboysättel sind sehr bequem, so dass die Sorge um einen wunden Popo unbegründet ist. In dem rutschigen und steilen Gelände muss man einfach darauf vertrauen, dass die Pferde trittfest sind und dass die Arrieros wissen, was sie tun.

Am zweiten Tag ist dann aber doch etwas passiert, was fatal hätte ausgehen können. Beim Überqueren eines extrem angeschwollenen Wildbaches wurde ein Maultier von den Wassermassen mitgerissen. Dadurch verloren wir die gesamte Ausrüstung eines Kameraden: Bergstiefel, Daunenjacke, Handschuhe, Steigeisen, einfach alles. Jens hatte nur noch das, was er am Körper trug.
Ein gewaltiger Schreck und Schock dazu für uns alle, denn das Gleiche hätte jedem von uns passieren können. Wie durch ein Wunder erschien das Muli nach einer halben Stunde wieder, bis auf blutige Schrammen unverletzt. Wir waren alle geschockt. Guter Rat war teuer: Was tun? Die Expedition hier abbrechen und einen anderen Berg wählen? Weitergehen mit Jens? Weitergehen ohne Jens?

Zuerst einmal kehrten wir zum ersten Lagerplatz zurück. Die Nacht brachte dann die Entscheidung: Jens hatte beschlossen, zurückzukehren um eine Sightseeing-Tour an der Küste zu machen und uns danach mit den Arrieros vom Basislager abzuholen. Wir waren alle traurig, als wir unsere Pferde allein ohne ihn bestiegen, um die Expedition fortzusetzen.

Danach lief aber alles glatt und wir erreichten am Mittag des dritten Tages einen Platz in 4.000 m Höhe, wo wir unser Basislager aufschlugen. Nachdem alles Gepäck abgeladen war, verabschiedeten sich unsere Arrieros schnell, denn auch den Pferden machte die Höhe zu schaffen.

17 Tage hatten wir nun Zeit, den Tupungato zu besteigen. 17 Tage, in denen wir weitab von jeglicher Zivilisation ganz allein auf uns gestellt waren. Hilfe war nicht zu erwarten, selbst in einem Gewaltmarsch hätten wir das nächste Telefon vielleicht in 5 Tagen erreichen können. Unser Ziel war nun, ohne Unfall und ohne höhenkrank zu werden, die Lager langsam höher zu verschieben bis zu einem Punkt, von wo aus wir den Gipfelsturm wagen konnten. Die Höhenkrankheit, eine der großen Gefahren, tritt auf, wenn man ohne Akklimatisation zu schnell aufsteigt. Folglich verfährt man nach der Devise - go high, sleep low. Wir trugen also einen Teil des Gepäcks zu einem höher gelegenen Lagerplatz, akklimatisierten uns dadurch, stiegen dann wieder ab, um am alten - tiefer gelegenen Lager zu schlafen. Diesen Vorgang wiederholten wir 2 oder 3mal. Erst beim letzten Mal werden Zelt und Kocher mitgenommen, um am höher gelegenen neuen Lagerplatz bleiben zu können.

Wir hatten 17 Tage für die eigentliche Besteigung berechnet. In Lager 1 - 800m höher - zwang uns dann ein Sturm, einen zusätzlichen Ruhetag einzulegen. Dafür errichteten wir Lager 2 nur angenehme 400 m höher auf 5.200 m. Ab hier hatten wir kein Schmelzwasser mehr und mussten Schnee schmelzen, um Wasser zu erhalten. Bei 7 Personen und einem täglichen Verbrauch von 3 - 4 Liter pro Kopf eine Angelegenheit, die mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Unser höchstes Lager errichteten wir auf einer Hochfläche voller Vulkangeröll und vereinzelten Eisfeldern auf 5.200 m. Nachts fielen die Temperaturen auf -20°C; tagsüber in der Sonne war es angenehm war. Zweimal stiegen wir in den folgenden Tagen bis zu einer Höhe von 6.000 m auf, um den weiteren Weg zu erkunden.

Dann, am 16. Januar, war unser Gipfeltag. Nur mit zusätzlicher warmer Bekleidung, Thermoskanne und etwas Proviant im Rucksack starteten wir nach Sonnenaufgang. Leider musste Werner wegen Magenproblemen, die ihn schon seit Tagen plagten, umkehren. Seine Frau Mecki begleitete ihn. So standen wir dann 8 Stunden später und 1.000 m höher zu Fünft auf dem Gipfel des Tupungato auf 6.550 m Höhe.

Und obwohl wir nicht zum ersten Mal eine Expedition durchgeführt haben, war es wieder ein überwältigendes Gefühl, gemeinsam einen Traum verwirklicht zu haben. Die Wolken nahmen uns leider den Blick auf die tiefer unter uns liegende Welt, deshalb traten wir nach kurzer Rast den Rückweg an und erreichten nach insgesamt 11 Stunden unser Lager in 5.200 m Höhe. Dort wurden wir von Mecki und Werner mit dem verdienten Gipfelschnaps empfangen.

Bei allen waren Freude und Erleichterung groß, hatten wir doch jetzt “nur noch die Rückkehr zum Basislager” und den Rückritt in die Zivilisation vor uns. Zwei Tage später erreichten wir das Basislager. Da wir unsere Reservetage nicht gebraucht hatten, waren wir drei Tage vor dem verabredeten Zeitpunkt zurück. Diese drei Tage vergingen schnell mit viel Schlaf zur Erholung und mit dem Verzehr des restlichen Proviants, den wir hier zurück gelassen hatten.

Wir waren dann aber froh, als unsere Arrieros pünktlich erschienen. Gross war vor allem die Freude darüber, dass unser Kamerad Jens mitgekommen war, um uns abzuholen. Im frisch gefallenen Neuschnee ging es dann zu Pferd in die tiefer gelegenen grünen Täler der Anden. Nach insgesamt 23 Tagen standen wir wieder da, wo wir aufgebrochen waren. Glücklich, zufrieden und jeder ca. 4 kg leichter. Die Expedition zum Tupungato war beendet und ein kleiner, aber besonderer Abschnitt in unserem Leben war glücklich zu Ende gegangen.

Rolf Henrichsen-Schrembs




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