2008 – Klettern

Badile Nordostwand - Comici 2008

Die Mannschaft vom letzten Jahr fand sich wieder zusammen, um im Bergell eine schöne Zeit zu verbringen. Dave und Chris haben Rob aus England mitgebracht. Mir sind aus Münster 8 Kletterfreunde gefolgt. Das ist doch dann immer eine lustige Runde für das allabendliche Feuer. Zumal sich einige Personen aus Irland, Südafrika usw. noch dazugesellen. Jeder kann bei Wein und Bier von seinen heroischen Taten des Tages berichten oder einfach nur rumwitzeln und dummes Zeug reden. Es sei nur jedem ans Herz gelegt, mal auf dem Campingplatz von Vicosoprano Station zu machen. Die Campingplatzwirtin ist die Herzlichkeit in Person und lässt mich jeden Tag im Internet nach dem Wetter und sonstigem schauen. Es gibt zahlreiche fest installierte Feuerstellen und das Brennholz wird kostenlos zur Verfügung gestellt. Wunderbar. Chiavenna in Italien ist auch nicht weit entfernt und das Städtchen bietet schon das typisch italienische Flair. Wunderbar.

Das Bergell bietet mit seinen tollen Granitbergen für jeden etwas: Klettergärten, gut gesicherte Plaisierrouten, sowie fantastisch fürchterliche 1000m-Nordwände. Chris und ich haben mal wieder ein Auge auf eine dieser langen Pauserouten geworfen. Ja der Pause, hat er doch 1970 ein Buch mit 100 extremen Touren herausgebracht und das ist inzwischen ein Klassiker. Bei uns soll es die Badile Nordostwand mit der Cassin sein. Im Sommer 1933 geriet der heute noch lebende Ricardo Cassin bei der Erstbesteigung mit seinen vier Gefährten in einen fürchterlichen Schneesturm, den zwei seine Mitstreiter nicht überlebten. Das gute Stück ist 800 m hoch und die Kletterschwierigkeit geht bis 6a+, also 7-. Und die Stände sollen alle eingebohrt sein.
Toll.

Über dem nahen Albignastausee werden wir uns einklettern. Es ist ja schon ein Jahr her, dass ich mit Chris durch ein Kletterseil verbunden war. Also auf, auf. gleich am ersten Morgen fahren wir mit der Seilbahn hoch zum Stausee und laufen zur „Schildkröte“. Die Route habe ich schon mal durchstiegen und sie ist zum Eingewöhnen mit ihren 13 Seillängen bis 6a+ genau das Richtige. Der Lorenz ballert und wir sind mit kleinsten Rucksäcken unterwegs. Die Anfangsplatte fällt Chris recht schwer. Da braucht er noch ein wenig länger. Aber dann zünden wir den Turbo. In den mittleren 4er-Platten laufen wir gleichzeitig. Dann kommt noch mal eine wunderschöne 45 m Platte, über die die Route senkrecht empor führt. Der mir wohl gesonnene Leser wird es schon gemerkt haben, es ist meine Lieblings 5+. Und schwupp, nach nur 2 ½ Stunden ist alles vorbei. Das war aber geschmeidig. Da haben wir uns das super leckere Essen von unserem Chefkoch Dave aber verdient. Er hat mal wieder alles aus England mitgebracht, was für eine gut Küche von Nöten ist: Einen Zweiflammen-Kocher und noch einen zusätzlichen separaten Kocher, diverse japanische Küchenmesser und natürlich seinen geliebten Schnellkochtopf. Wer nicht unserer kleinen Vierer-Gemeinschaft angehört, staunt und möchte immer mal wieder probieren.

Am zweiten Tag fahren wir mit der ersten Bahn hoch, denn unsrige heutige Route ist 750 m hoch. Die ersten 280 m sind eingebohrt, bis 6 und dann kommt nichts mehr. Es ist auch leichter, 2er und 3er Gelände mit 4er Stellen. Wie bei einer alten Vertrauten rutschen wir durch die 9 Seillängen des ersten Teils. Und dann geht es weiter. Ich steige alles vor. Mit dem ganzen Sicherungsmaterial bin ich schwer bepackt. Der Klettergurt wird nach unten gezogen. Aber da wir alle gleichzeitig steigen, werde ich nach und nach leichter und kurz vor dem Gipfel ist alles ausgegeben. Ups, wo ist denn die Route geblieben. 4 Stunden sind gerade mal vergangen, und das kann es doch eigentlich nicht gewesen sein. So schnell. Habe ich da etwas verpasst? Die Umgebung ist wunderschön. Wir genießen die Aussicht auf die hochalpine Gipfelwelt. Beim Abstieg nehmen wir uns ausgiebig Zeit für ein Bier auf der Albigna-Hütte.

Nach einem schönen Klettertag, den wir alle Vier zusammen verbringen, steigen Chris und ich zur Sasc Furä-Hütte auf. Morgen soll’s was werden mit der großen Wand. Doch als wir morgens um 3 Uhr aufstehen, donnert es den ganzen Kamm, südlich von uns, entlang. In das Bergelltal unter uns ziehen Wolken. Das war’s dann wohl mit der Cassin. Heute ist die Wetterlage zu unsicher. Wir legen uns wieder hin. Tagsüber wandern wir unter der Nordostwand der Badile. Kurzzeitig reißt die Wolkendecke auf und gewährt uns einen Blick auf die Route. Das wird für uns später von Vorteil sein.

Nach 2 weiteren Klettertagen steigt unsere englisch-deutsche Company auf zur Sciora-Hütte. Wir haben uns einen Klassiker vorgenommen, das Bügeleisen an der Kante des Piz Gemelli. Doch leider wird Dave immer langsamer, weil er Probleme mit seiner Archillissehne bekommt. So machen Rob und Dave uns das Angebot am nächsten Tag in die Cassin einzusteigen, während sie wieder absteigen. Ich bin erst verunsichert, da der Wetterbericht für den nächsten Tag in den Nachmittagsstunden die Möglichkeit von Regenschauern oder Gewitter ankündigt. Aber wir haben 2 Abstiegsmöglichkeiten. Bei gutem Wetter können wir den langen Nordgrat abseilen und zurück zum Parkplatz laufen. Sind die Bedingungen schlechter, geht es schneller auf der Südseite runter. So steigen wir ein. Um 2 Uhr nachts laufen wir los. Es ist stockfinster, aber wir finden den Weg gut. 2 Uhr war dann doch ein bisschen früh. Wir warten ca. 1 Stunde auf einer Felsinsel im Gletscher, dass es hell wird. Die ersten Meter im Fels gehen wir seilfrei. Vor der Rebuffat-Verschneidung seilen wir uns an. Jetzt geht’s los. Und wie wir feststellen müssen, sind gar nicht alle Stände eingebohrt. 1/3 mit 2 Bohrhaken, 1/3 mit 1 Bohrhaken und 1/3 bei denen wir uns die Stände selber bauen müssen. Zwischendurch gibt es noch ein paar alte, rostige, geschlagene Haken. Macht nichts, wir haben alles dabei. Und in der Nordostwand kommt schnell die Sonne und erwärmt den Fels. Uns folgt eine Seilschaft aus Obersdorf. Nette Kerle, die beiden. Chris und ich sind ein gutes Team. Jeder vertraut dem Anderen blind und ist sicher, dass der Andere alle Kletterschwierigkeiten und Situationen meistern kann. Bei jeder Seillänge wechselt die Führung. Es ist egal, wer von uns beiden die schwierigen Seillängen vorsteigt. Es ist wie ein großer Fluss. Wir steigen hoch unter Überhängen, gleichzeitig über Platten und durch Verschneidungen. Zum Schluss beginnt eine Rissspur, die sich immer weiter zu einem Kamin ausweitet und das Ganze über 5 Sl lang. Wir zaudern nicht und es kommt kein Zweifel auf. Es ist ein einziger großer Genuss. Das Wetter scheint sich zu halten. So seilen wir über den Nordgrat ab. Wir schließen uns mit den Obersdorfern und einer weiteren Seilschaft zusammen. Dabei wird das oberste Seil abgezogen, in der Mitte hängt ein Seil zum Abseilen und darunter wird schon das nächste eingehängt. Mit dieser Methode bringen wir die 1000 m in 4 Stunden hinter uns. Das hebt die Stimmung. An der Hütte gönnen wir uns eine Bierpause. Nach einem Telefonat mit Dave, erwartet der uns am Parkplatz auch wieder mit einer Gerstenkaltschale und Chips. Das sind wahre Freunde. Später gibt’s noch die besten Spaghetti-Bolognese aller Zeiten und wir stehen wieder ums Feuer herum.

Und was war sonst noch?

Zwei Tage hat’s dann noch geschüttet wie blöde. Zum Schluss klettern wir das Bügeleisen dann doch noch als schöne Abschlusstour. In Erinnerung werden die schönen Abende mit den Freunden und die tollen Touren bleiben.

Axel Bäcker




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