2006 – Hochtouren

Haute Route Teil 2: von Arolla über Zermatt nach Saas Fee

Der Wind stürmt um Hütte während ich wach auf meinem Lager liege und den Wetterbericht  nicht wahrhaben will. „Heranziehen einer Kaltfront mit Schneefall bis auf 2000m“! Morgen früh steigen wir ab nach Arolla. Das haben wir doch schon vor drei Jahren gemacht. Sollte es sich jetzt wiederholen?
Aber wir haben ja schon eine Reihe von schönen Tagen mit grandiosen Wanderungen hinter uns. Achim, Werner, Günter, Matthias und Sebastian trafen sich am Samstag den 11.07.2009 bei strahlendem Sonnenschein am Lac de Tseuzier in den Walliser Alpen und stiegen noch am gleichen Tag über das Schnidejoch auf zur Wildhornhütte. Dabei wurden Erinnerungen aufgefrischt und Neuigkeiten ausgetauscht. Wir hatte uns einiges zu erzählen. Es sind schon drei Jahren  vergangen seit  wir zusammen den Teil 1 der Haute Route von Chamonix nach Arolla gewandert sind und dort die Tour wegen schlechten Wetters abgebrochen haben. Nur Achim ist neu in der Truppe.
Am nächsten Tag steigen wir auf das Wildhorn, 3247m, sozusagen als Eingehtour und um uns an die Höhe zu gewöhnen. Auf dem Gipfel sorgt Achim für eine gelungene Überraschung. Er feiert seinen  47-zigsten Geburtstag und hat dazu eine (kleine)Flasche leckeren Obstler mitgeschleppt.
Nach einer Nacht auf der Cabane des Audannes  steigen wir ab zu unseren Autos. Wir  queren das Rhonetal  und fahren hoch nach Arolla. Am Nachmittag geht es über den Pas de Chèvres zur Cabane de Dix. Diese Hütte thront wie ein Storchennest auf einem Felsen in  2928m Höhe.
Beim Aufstieg kommen uns viele Wanderinnen entgegen. Günter kontrolliert kontinuierlich seinen  Puls über eine Pulsuhr. Uns fällt auf, dass Günters Puls abhängig von der Attraktivität/Lebensalter der entgegenkommenden Wanderinnen steigt bzw. fällt. Damit entwickeln wir die neue Berg-Puls-Formel: 150 – Günters Puls = Attraktivitätsindex/Lebensalter der entgegenkommenden Bergwanderinnen.
Die nächste Nacht ist kurz, um 5.30 Uhr geht es los. Der Gipfel des Pigne d` Arolla ist unser Ziel. Die Morgensonne bescheint die gegenüberliegenden Gipfel, wir aber steigen im Schatten bis auf das Col du Brenay (3382m). Dann liegt der Gipfel in der Sonne vor uns.  Wir haben Glück und stehen alleine auf 3796m und genießen den fantastischen Fernblick über die Walliser Gipfel. Als die nächste Seilmannschaft eintrifft verlassen wir den Gipfel und steigen über Gletscher und Schneefelder ab zur Cabane des Vignettes. Bei 3400m erinnern wir uns an die Tour im Sommer  2006. Hier sind wir wegen Nebel und Regen umgekehrt und haben die Tour damals abgebrochen. Jetzt aber erreichen wir die Hütte bei Sonnenschein und bester Laune. Hier erwartet uns eine freudige Überraschung. Die Cabane des Vignettes ist komplett renoviert.
Es ist noch Zeit bis zum Abendessen, und so kriechen alle unter die neuen Bettdecken und holen den versäumten Schlaf nach. In der Zeit schlägt das Wetter um. Prasselnde Hagelkörner wecken uns. Auch am nächsten Morgen grollt der Himmel und so wird der Mittwoch ein Ruhetag. Dabei lernen wir ein lustiges Würfelspiel des Schweizer Alpenvereins kennen, bei dem man von Hütte zu Hütte über die aufgezeichneten Alpen (natürlich nur die Schweizer) wandert. Durch Ereigniskarten wird die Realität nachgespielt: mal hat man seinen Abfall liegengelassen, mal seinen Pickel vergessen und muss mehrere Felder zurück. Die Zeit vergeht und abends kündigt die hervor kommende Sonne einen schönen nächsten Tag an.
Es wird ein super Tag. Wir marschieren angeseilt und mit Steigeisen ausgerüstet über den Pass de l` Eveque und klettern auf den Mont Brule (3578m). Dazu müssen wir eine Steilstufe im Eis mit 45° überwinden. Der Aufstieg erfolgt mit der Fixseiltechnik über drei Seillängen. Sebastian klettert vor, nachdem er uns Neulingen die Sicherung mit der Prusik beigebracht hat. Direkt unterhalb des Gipfels wartet noch eine Gratwanderung auf uns. Alles geht gut, die Sonne scheint, über uns wölbt sich der blaue Himmel, fantastische Fernsicht, besser geht es nicht!
Tief unter uns liegt unser Nachtquartier, das Refuge des Bouquetins auf 2980m, eine Selbstversorgerhütte. Nach Querung eines Gletschers, Aufstieg über die Seitenmoräne und 9 Stunden Gehzeit erleben wir eine positive Überraschung. Eine gemütliche, runde Hütte mit 15 Schlafplätzen und einem Ofen in der Mitte. Günter hat nach kurzer Zeit das Feuer entfacht, und so trinken wir vor der Hütte im Sonnenschein heißen Tee aus Schmelzwasser. Abends bollert der Ofen, jede Menge Platz, leckere Suppe und Nudeln, die Kerze brennt, kurzum: wir fühlen uns sauwohl.
Aber wie schon berichtet kommt die vorhergesagte Kaltfront und wir steigen nach Arolla ab und suchen uns eine Touristenherberge. Nach dem Duschen gönnen wir uns auf unserem 5er-Zimmer als Vorspeise eine gemütliche Brotzeit mit Rotwein und feinem Bündner Fleisch bevor das Abendessen serviert wird.
Die Schneefallgrenze liegt bei 2000m, es ist wolkenverhangen doch die Tour geht weiter. Gut versorgt mit Brot, Wurst und echtem Schweizer Käse steigen wir durch den Neuschnee wieder zu „unserer“ Selbstversorgerhütte auf. Ein französisches Ehepaar ist auf der Hütte geblieben und somit ist eingeheizt. Wir fühlen uns wie zu Hause.
Inzwischen ist es Sonntagmorgen 4.00 Uhr und die Stirnlampen leuchten uns den Weg über den Glacier d‘ Arolla zum Col du M. Brule, 3213m. Hier geht es wieder steil bergauf aber mit der erlernten Fixseiltechnik stehen wir bald auf dem Tsan de Tsan, marschieren dann weiter zum Col de Valpelline  (3557m) und erreichen den Stöckji  Gletscher, bedeckt mit 35cm Neuschnee. Strahlender Sonnenschein, die Berge frisch überzuckert, das majestätische Matterhorn von einigen Wolkenfetzen umhüllt lassen die Glückshormone nur so purzeln. Sebastian hat wieder eine Variante gewählt, die die anderen Gruppen nicht gehen, und so legen wir die einzige frische Spur über den oberen Gletscher. Diese können wir auch noch von der Schönbielhütte aus erkennen. Der Abstieg bzw. Gegenanstieg zur Hütte führt allerdings durch elend langes Schutt- und Blockgelände. Die Belohnung ist ein frisch gezapftes Bier. Oder waren es doch mehrere?
Am nächsten Tag: Abstieg nach Zermatt, kurzes Eintauchen in die Zivilisation, danach Auffahrt zur Flue und Gang zum gleichnamigen Berghotel in 2618m Höhe. Hier sind im Winter überwiegend Gäste zum Mittagessen und im Sommer überwiegend zum Schlafen. Daher nächtigen wir im Speisesaal jeder in einem eigenen Bett das man dort aufgestellt hat.
Der Abend war kurz, der Morgen ist früh, 2.45 Uhr schellt der Wecker. Noch im Dunkeln suchen wir uns den Weg über die Seitenmoräne zum Findelengletscher und weiter zum Adlergletscher, hoch zum Adlerpass. Wir wollen auf das Strahlhorn und damit die 4000 Grenze knacken. Der Aufstieg zum Adlerpass ist so steil, dass Sebastian mehrere Zwischensicherungen einbaut. Beim Zurückblick sehen wir dunkle Wolken heranziehen, die das Matterhorn schon verschlingen. Auf dem Adlerpass empfängt uns schneidender Wind und der Gipfel des Strahlhorns ist in den Wolken verschwunden.
Etwas wehmütig beschließen wir den Abstieg zur Britannia-Hütte. Hier lässt sich zwar die Sonne wieder sehen, wir aber fahren mit der Seilbahn runter nach Saas Fee und mit dem Taxi nach Arolla in die uns bekannte Touristenherberge.
Unsere Tour beenden wir mit einem gemütlichen Abend und einem köstlichen Überraschungsmenü. Die Speisekarte ist französisch, die Wirtin spricht nur französisch, wir können kein Französisch aber das Essen ist super.
Unser Dank gilt Sebastian, der die Tour ausgearbeitet und uns sicher geführt hat.
von Matthias Mündelein




« zurück zur Übersicht