2016 – Hochtouren

Durch Italiens ältesten Nationalpark - Bericht über die Sektionstour zum Gran-Paradiso

Am 20.8.2016 um 2:00 Uhr in der Frühe ging es los. Aufstehen zu einer frühen Uhrzeit sollte in der folgenden Woche zum Tagesprogramm gehören.
Schon am Nachmittag trafen sich alle Neun in Bonne im Valgrisenche oberhalb von Aosta. Kleines Problemchen: Es regnete heftig. Da wir noch 3 Stunden Hüttenaufstieg vor uns hatten, wurde als Deadline für den Abmarsch 15:00 festgelegt und der Blick auf das Regenradar verhieß leichte Besserung. Tatsächlich ließ der Regen dann etwas nach, so dass wir fast trocken gegen 18:00 Uhr das Rifugio degli Angeli knapp unter der 3000m-Marke erreichten.
Die in 2006 durch eine Volunteer-Organisation, welche unentgeltliche Arbeit in Lateinamerika leistet, neu erbaute Hütte wird im Wesentlichen auch durch Volunteers betrieben. Diese war für zwei Nächte unser Quartier. Das sehr nette Personal versorgte uns nach Kräften und mit viel Improvisationstalent.
Am nächsten Morgen stand dann schon die erste Bergtour zur Testa del Rutor (3486m) auf dem Programm. So standen wir bei Sonnenaufgang vor der Hütte und genossen zunächst mal den atemberaubenden Ausblick, der sich über das Aostatal hinweg zu den Walliser 4000ern vom Grand Combin über das Matterhorn bis zur Monte-Rosa bot. Dann schulterten wir unsere Rucksäcke. Die Tour hatte bereits im Aufstieg viel zu bieten. Gefrorene Schneefelder, eisige Gletscher-Passagen, Schutthänge und und ein schöner, teils steiler Felsgrat leiteten zum Gipfel. Auf dem letzen Teil wehte ein eisiger Wind. Dieser Berg und auch die ganz Gebirgsgruppe, der dieser seinen Namen gibt, sind bei uns wenig bekannt. Allerdings ist dieser als Aussichtsberg wirklich erstklassig. Am Gipfel konnten wir dann eine ausgiebige Rast im Windschatten der Gipfelfelsen machen und den tollen Ausblick auf die direkt vor uns liegende Mt. Blanc-Gruppe sowie die ebenfalls fast 4000m hohen Berge oberhalb von Val d‘Isere (Mt. Pourri und Grand Casse) genießen. Am Nachmittag konnten wir noch den leckeren Kuchen auf der Terrasse, wieder mit tollem Ausblick, unter anderem zum Gran Paradiso, genießen.
Am nächsten Morgen waren wir dann schon eine Stunde früher (5:00 Uhr) beim Frühstück da ein langer Tag bevorstand. Geplant war die Überschreitung des dreigipfeligen Mt. Ormelune (3270m) und Weiterweg zum Rifugio Bezzi. Der Tag lief bei tollem Wetter auch gut an, aber nach dem ersten Pass (Arp Vieille) gestaltete sich der Abstieg im weglosen Gelände zeitraubend. Erst nach einigem Suchen zeigte sich ein gangbarer Weg durch die Schrofenhänge oberhalb des Lago di San Grato. So mußte der Plan geändert werden und nach einem (kurzen) Bad im kalten Lago und ausgiebiger Rast ging es unten rum durch eine wunderschöne und wasserreiche Almlandschaft zum Rifugio Bezzi (2284m). Dieser Weg beinhaltet zwar keine Schwierigkeiten, zieht sich allerdings auch man muß zwischendurch auf ca. 1800m absteigen, so dass wir erst gegen 18:00 Uhr die Hütte erreichten.
Auf dem Rif. Bezzi wurden wir dann kulinarisch verwöhnt. Die professionell geführte Küche präsentierte uns ein 4-Gang-Menü, welches voll überzeugte.
Am nächsten Morgen stand dann ein weiterer Höhepunkt auf dem Programm, der Aufstieg zur Aig. de la Gran Sassiere (3.751m). Aufgrund der länge der Tour war wieder früher Aufbruch angeraten. So ging es um 5:45 im Licht der Stirnlampen gen Süden. Nach Anseilen auf dem Gletscher steigen wir dann in der Sonne und bei toller Fernsicht zum felsigen Ostgrat des Berges. Die letzten Meter im steilen Firn zum Grat, den wir auf ca. 3200m erreichten, waren schon eine spannende Herausforderung. Der Grat selbst besteht zumeist aus Schutt mit kleineren Felsaufschwüngen und einzelnen Firnpassagen. Kurz vor dem letzten Gipfelaufschwung, zu dem ein schmaler, am Ende leicht marode wirkender Firngrat leitete, mußten wir allerdings feststellen, dass dieser letzte Teil für uns an diesem Tag eine zu große Hürde darstellte. Im Draufblick auf den letzten Steilaufschwung entpuppte sich dieser als brüchiger Steilschutt mit zwei etwas „windig“ wirkenden Fixseilen, den wir auch aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr in Angriff nahmen. Stattdessen machten wir uns auf dem aussichtsreichen Grat an den langen Abstieg. Noch rechtzeitig zum wieder tollen Abendessen erreichten wir die Hütte und ein fröhlicher Hüttenabend nahm seinen Lauf.
Am nächste Tag wechselten wir dann hinüber zum Gran Paradiso. Bei wieder tollem Wetter stiegen wir die ca. 500 Höhenmeter vom Rif. Bezzi ab und starteten am Nachmittag nach einer Stärkung im Tal von Pont (1800m) aus zum Rifugio Chabod (2750m). Der Aufstieg zum Rifugio ist landschaftlich sehr schön und führt zunächst durch lichten Lärchenwald und später über von einem starken Bach durchzogene Wiesen mit Blick zur Nordwand des Gran Paradiso und den Gletscher zur schön gelegenen Hütte. Diese war überraschenderweise und trotz des leichten 4000er-Gipfelziels nur schwach besucht. Uns war es recht und wir konnten die warmen Regenduschen und das gute Essen stressfrei genießen. An den schönen Lagern hatten wir allerdings nicht allzu lange Freude, da bereits um 3:45 Uhr der Wecker ging. Nach einem guten Frühstück ging es wieder im Schein der Stirnlampen Richtung Gletscher. Hatte man schon die Tage vorher geglaubt, dass die Fernsicht nicht mehr zu toppen ist, war an diesem Tag doch nochmal eine Steigerung drin. So konnten wir schon im Aufstieg die ersten Sonnenstrahlen am Mt. Blanc und den umliegenden Bergen genießen. Über den spaltenreichen, aber im nordseitigen Schatten noch gut gefrorenen Gletscher ging es dann aufwärts und bei ca. 3700m trafen wir dann auf den vorwiegend genutzten Weg zum Gran Paradiso vom Rifugio Vittorio Emanuele. Da unser Weg etwas länger war, waren die meisten Bergsteiger bereits im Abstieg. So konnten wir an den letzten Gipfelfelsen ohne den üblichen Stau zur Gipfelmadonna klettern.
Der Ausblick vom Gipfel war an diesem wolkenlosen Tag nicht zu überbieten. In 30 Jahren Bergsteigen kann ich mich nicht erinnern, um die Mittagszeit noch eine solche Aussicht genießen zu können. Die Berge der Bernina, die ca. 230 km entfernt im Osten liegen, waren noch mit bloßen Auge zu erkennen. Sogar die Adamellogruppe, die ca. 290 km entfernt liegt, war noch am Horizont zu sehen. Nach langer Rast auf dem Gipfel, den wir zu dieser Zeit für uns allein hatten, machten wir uns dann an den Abstieg zum Rifugio Vittorio Emanuele. Der Weg dahin ist durchaus noch spannend, bietet er doch noch den Abstieg über recht steile Gletscherflanken und ein sehr wasserreiches, aus Gletscherschliff bestehendes Hochtal. Kurz vor der Hütte bot sich uns dann noch eine Badestelle im Bach, die wir gern nutzten.
Auf der Hütte herrschte der erwartete Trubel. Der knorrige Hüttenwirt wies uns die engen Lager zu. In den dreistöckigen Betten konnte man sich nicht aufsetzen, aber wir wollten ja ohnehin nur liegen. Die Verpflegung war trotz des Massenbetriebes recht gut und auch die Preise waren noch akzeptabel.
Der letzte Tag war eigentlich unser Reservetag, den wir aufgrund des tollen Wetters nicht gebraucht hatten. So wurde noch der Ciaforon (3640m), der eindrucksvoll mit seinem vergletscherten Gipfel direkt über der Hütte steht, in Angriff genommen. Da sich einige für ein gemütlicheres Tagesprogramm entschieden hatten, gingen wird die Tour mit 5 Personen an. Bei etwa 3350m erreicht man über einen zuletzt steilen Gletscher den Gipfelaufbau. Dieser bietet dann Kletterei im I. u. II. Grad mit wenigen Stellen im unteren III. Grad. Zwischendurch und auch am Gipfel gibt es noch Eis- bzw. Firnpassagen, so dass die Steigeisen und der Pickel immer in Griffweite bleiben. Nach etwa 2 Stunden hatten wir auch diese letzte steile Passage erstiegen und standen auf dem Gipfel direkt über der Hütte und unmittelbar gegenüber vom Gran Paradiso. Noch immer hatten wir traumhaftes Wetter, und so konnten wir uns ohne Zeitdruck an den Abstieg machen, der für den oberen Teil aufgrund der Kletterei auch nicht schneller als der Aufstieg vonstatten ging.
Abends wurde noch ausgiebig dem Rotwein und dem für das Aostatal typischen Elixir Genepy zugesprochen. Eine sehr abwechslungsreiche und vom Wetter begünstigte Tourenwoche war zu Ende. Außer dem Gran Paradiso selbst ist das Gebirge sehr ruhig. An den Gipfeln waren wir oft allein unterwegs. Der Kontrast von wenig bestiegenen, unbekannteren Gipfeln und hochalpinen Übergängen auf der einen Seite und zum Gran Paradiso als „leichtem 4000er“ mit dem ganzen Trubel auf der anderen Seite hat sicher den besonderen Reiz dieser Woche ausgemacht. Einige Touren wie der Übergang über die Arp Vieille-Scharte, der Gran Sassiere und der Ciaforon waren aufgrund fehlender Beschreibungen zu den Routen etwas experimentell und sind zeitlich dadurch auch etwas länger geworden als geplant. Die Woche wird allen sicher in Erinnerung bleiben. 

Norbert Siegel





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